Judo Austria hat einen alten, neuen Mitarbeiter. Sein Name: MARTIN GRAFL. Seit 2021 arbeitete der Stadlauer als Jugend-Nationaltrainer auf Teilzeit-Basis. Im Hauptjob war der 38-Jährige bislang Datenanalyst und strategischer Berater in einer Großbank. Spezialbereich: Künstliche Intelligenz. Jetzt lässt er den Brotberuf sein und wird hauptamtlicher ÖJV-Sportkoordinator. Noch bevor sein Postenwechsel offiziell bekannt wurde, nahm sich Martin Grafl Zeit für ein erstes Antritts-Interview.
Martin, eine direkte Frage: Warum schmeißt man einen gut dotierten, obendrein sicheren Bank-Job hin und wird Judo-Sportkoordinator?
Martin Grafl: „Weil ich ab sofort nur mehr fünf Minuten ins Büro habe… Nein im Ernst: Jeder, der mich gut kennt, weiß, dass das eine absolute Herzensangelegenheit ist. Ich liebe Judo. Ich sehe die Herausforderung und Chancen dieser Position. So eine Möglichkeit bekommst du maximal ein-, zweimal in deinem Berufsleben. Wenn du die Ausschreibung liest und in der Sekunde weißt: Das ist der richtige Job für di Ich liebe Judo, ich kenne die handelnden Personen seit vielen Jahren und ich habe gelernt strategisch zu denken und zu handeln. Das war in der Bank meine Hauptaufgabe. Jetzt geht’s weniger um künstliche Intelligenz, mehr um sportliche Belange. Ich weiß, da kann ich helfen, das liegt mir.“
Was sagt dein persönliches Umfeld zu dieser beruflichen Veränderung?
Grafl: „Die haben sich nicht groß gewundert: Du brauchst nur bei mir zu Hause im Wohnzimmer an die Wand zu schauen. Dort hängen rund 20 Lieblingsfotos. Die meisten haben mit Judo bzw. sportlichen Erfolgen zu tun! In den nächsten Tagen kommt ein Selfie aus Guayaquil, von der Jugend-WM in Ecuador, dazu. Die Fotos an der Wand sagen viel über meine persönliche Prioritäten aus.“
Welche ersten Schritte werden von dir verlangt?
Grafl: „Das werden die nächsten Tage zeigen. Klar ist jetzt schon: Wir brauchen schnell ein solidesSport-Budget für 2027 und einen Turnier-Plan – wer wo zum Einsatz kommt. Und wir müssen ein Leitbild für die Vereine ausarbeiten. So etwas wie das österreichische Judo-Credo inklusive Zielvorgaben. Generell gilt: Kooperation ist der Schlüssel zum Erfolg.“
Wie lange willst du den Job machen? Oder anders gefragt: Wo siehst du dich in fünf Jahren?
Grafl: „In meinem Vorstellungsgespräch habe ich ganz klar formuliert: Ich will Verantwortung übernehmen, Weichen für die Zukunft, d.h. für die Spiele 2032 und 2036 stellen. Es sind fordernde Zeiten: Wir haben unter Yvonne Snir-Bönisch sehr viele Medaillen gewonnen. Das ist für eine kleine Judo-Nation nicht selbstverständlich. Diese Erfolge auch mittel- und langfristig einzufahren, muss unser Ziel sein. Das sagt sich leichter als es sich in der Praxis umsetzen lässt… Um deine Frage konkret zu beantworten: Mich reizt die Perspektive auf Sicht zum Sportdirektor mit weiteren Verantwortungsbereichen aufzusteigen. Zu seiner Zeit natürlich, das kommt nicht von heute auf morgen. Aber ja, das ist mein erklärtes Ziel!“
Hast du so etwas wie ein persönliches Vorbild, einen Top-Judoka oder einen Trainer?
Grafl: „Erfolge von Michaela Polleres gehen mir nahe. Weil ich ihre Karriere aus nächster Nähe verfolge, seitdem sie 2014 ihre erste Nachwuchs-EM-Medaille gewonnen hat. Ihre Entwicklung haben – um es charmant zu sagen – nicht viele Trainer vorausgesagt. Und unter Yvonne (Snir-Bönisch) ist ihr nochmals ein Riesenschritt gelungen. International ist Kosei Inoue, dreifacher Weltmeister und Olympiasieger 2000 in Sydney, 2021 in Tokio als Coach für neun Olympia-Goldmedaillen verantwortlich, jetzt japanischer Sportdirektor, der Mann, der mich am meisten fasziniert hat. Aber mein persönlicher Favorit, ich würde sagen mein größter Mentor, war ganz klar der leider viel zu früh verstorbene Ernst Hofer. Er war es, der mir zugeredet hat, mich 2020 als Jugend-Assistenztrainer zu bewerben. Ich wäre– ehrlich gesagt – selbst nie auf die Idee gekommen. Ich hatte ja meinen Job bei der Bank. Ernstl war ein absolutes Vorbild, sportlich und menschlich. Er konnte extrem gut motivieren, hatte immer ein offenes Ohr, selbst in Zeiten, als ihm seine Nervenkrankheit schon stark zusetzte. Ohne Ernstl wäre ich heute nicht Sportkoordinator.“
